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Strategieentwicklung für resiliente Wissenschaftskooperationen weltweit

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Globale Fragen verlangen neue Lösungen: Im Interview erläutern Maria Josten und Dr. Katharina Höne, wie der DLR Projektträger Science Diplomacy, Science Advice und Research Security zusammen denkt.
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Zwei Personen
Collage mit Maria Josten (li.) und Dr. Katharina Höne
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Wissenschaft und Forschung partnerschaftlich, innovativ und zukunftsfähig gestalten – dafür hat der DLR Projektträger verschiedene Beratungsangebote für Politik und Wissenschaft entwickelt – national und international. Welche Impulse er damit für mehr Resilienz in der internationalen Wissenschaftskooperation setzt, erklären die Expertinnen.

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Im Dezember 2025 trafen sich Forschende, Diplomatinnen und Diplomaten sowie Entscheidende aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zur Second European Science Diplomacy Conference in Kopenhagen. Eingeladen hatte die Europäische Kommission gemeinsam mit der dänischen Ratspräsidentschaft. Der DLR Projektträger war über den Rahmenvertrag Global Service Facility mit der Durchführung betraut. Die Teilnehmenden diskutierten, wie internationale Zusammenarbeit sowie Forschung und Entwicklung in Zeiten geopolitischer Spannungen gelingen können. Frau Josten, wie steht es aktuell um die internationale Zusammenarbeit von Politik und Forschung?

Maria Josten: In Kopenhagen konnte man spüren, wie sehr sich das internationale Forschungsumfeld in den vergangenen Jahren verändert hat. Durch den globalen Wettbewerb, etwa mit China, rückt der Wunsch nach Wissensschutz immer stärker in den Vordergrund. Gleichzeitig zeigt sich: Globale Krisen wie Pandemien oder Klimawandel lassen sich nur bewältigen, wenn Forschung und Politik gemeinsam handeln. Auf der Konferenz haben zum Beispiel Fachleute aus der Diplomatie mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern diskutiert, wie die Forschung trotz geopolitischer Spannungen offen für internationale Zusammenarbeit bleibt.

In diesem Zusammenhang tauchen immer wieder die Begriffe Science Diplomacy, Science Advice und Research Security auf – was steckt dahinter und wie hängen sie zusammen?

Katharina Höne: Science Diplomacy ist seit mehr als 15 Jahren ein etablierter Begriff, der die Schnittstelle von internationaler Wissenschaft und Politik beschreibt. In den letzten Jahren hat Science Diplomacy aber – angesichts neuer geopolitischer Herausforderungen – noch mal an Bedeutung gewonnen und ist vielschichtiger geworden. Der Begriff beschreibt sowohl die wissenschaftliche Beratung politischer Entscheidungen als auch die brückenbauende Funktion der Wissenschaft bei geopolitischen Spannungen. Gleichzeitig setzt Science Diplomacy den politischen und diplomatischen Rahmen für wissenschaftliche Kooperationen. 
Science Advice ist in diesem Sinne ein wichtiger Teil der Science Diplomacy – und hat in Zeiten von Fake News an Relevanz gewonnen. Science Advice sorgt dafür, dass politische Entscheidungen auf wissenschaftlicher Evidenz beruhen. Research Security wiederum schützt Forschungsergebnisse vor ungewolltem Zugriff. Alle drei sind heute verbunden, weil internationale Zusammenarbeit zwischen Staaten und Wissenschaft nur dann nachhaltig gelingt, wenn sie offen, evidenzbasiert und zugleich geschützt ist. Und genau an dieser Schnittstelle setzt unsere Arbeit beim DLR Projektträger an.

Welche Rolle spielt Science Advice in Ihrer Arbeit – und wo liegen die größten Herausforderungen bei der Vermittlung zwischen Wissenschaft und Politik?

Josten: Gerade in den vergangenen Jahren beobachten wir, dass Regierungen immer öfter wissenschaftlichen Rat einholen. Spanien zum Beispiel hat zuletzt 22 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler offiziell berufen, die die Zusammenarbeit zwischen der Regierung und den Universitäten und Forschungszentren stärken. Für uns ist das Thema ebenfalls wichtig: Wir unterstützen den Kapazitätsaufbau in diesem Themenfeld. Wir haben zum Beispiel ein Curriculum „From Science to Policy” für das Umweltprogramm der Vereinten Nationen erstellt. Gemeinsam mit Partnern aus der European Union Science Diplomacy Alliance haben wir elf Module entwickelt, die zeigen, wie wissenschaftliche Ergebnisse verständlich und wirksam in politische Entscheidungen einfließen – von der Rolle der Wissenschaft in der Politik über Hindernisse bis hin zum notwendigen Mindset.

Höne: Ein weiteres Beispiel für die Relevanz von Science Advice ist die COVID-19-Pandemie. Sie hat gezeigt, wie wichtig internationaler Datenaustausch und klare Kommunikation sind – in die Politik wie auch in die Öffentlichkeit. Der Bedarf für solche Angebote ist groß: In Trainings erleben wir immer wieder, dass der Umgang zwischen Forschung und Politik von gegenseitigen Missverständnissen geprägt ist. Wir trainieren deshalb Teilnehmende aus beiden Berufsfeldern gemeinsam und vermitteln, wie komplexes politisches und wissenschaftliches Wissen prägnant kommuniziert wird – eine Schlüsselkompetenz für den Austausch zwischen Wissenschaft und Politik.

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„In Trainings erleben wir immer wieder, dass der Umgang zwischen Forschung und Politik von gegenseitigen Missverständnissen geprägt ist. Wir trainieren deshalb Teilnehmende aus beiden Berufsfeldern gemeinsam und vermitteln, wie komplexes politisches und wissenschaftliches Wissen prägnant kommuniziert wird.“

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Dr. Katharina Höne
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Internationale Strategien und Instrumente, DLR Projektträger
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Porträt
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Sie haben es bereits erwähnt: Research Security spielt eine zunehmend wichtige Rolle. Steht sie nicht im Widerspruch zu offener Wissenschaft? Hat der DLR Projektträger auch hierfür eine Lösung anzubieten?

Josten: Wissenschafts- und Kooperationsfreiheit bleiben zentrale Werte, da sie entscheidend für den Fortschritt sind – aber sie brauchen Schutzmechanismen, um Missbrauch durch Wissensdiebstahl oder unerwünschten Abfluss von Daten zu vermeiden. Technologien mit Dual-Use-Potenzial – etwa KI oder Biotechnologie – können zum Wohle und zum Schaden der Gesellschaft eingesetzt werden. Deshalb gilt in Europa der Grundsatz „so offen wie möglich, so geschlossen wie nötig". Organisationen aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft zu beraten, wie sie am besten einschätzen können, wann wie viel Austausch sinnvoll ist und ab wann Schutzanforderungen notwendig sein könnten, zählt ebenfalls zu unseren Aufgaben.

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„Wissenschafts- und Kooperationsfreiheit bleiben zentrale Werte, da sie entscheidend für den Fortschritt sind – aber sie brauchen Schutzmechanismen, um Missbrauch durch Wissensdiebstahl oder unerwünschten Abfluss von Daten zu vermeiden.“
 

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Maria Josten
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Internationale Strategien und Instrumente, DLR Projektträger
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Wie gehen internationale Forschende mit den veränderten Anforderungen durch neue Technologien um?

Höne: Hier kommt der Begriff Tech Diplomacy ins Spiel. Er beschreibt den verantwortungsvollen Dialog zwischen Staaten und großen Technologiekonzernen wie Meta und Google, die immer mehr Einfluss auf unsere Gesellschaft haben. Dabei geht es um Risiken, Werte und den Einfluss auf die Entwicklung von Technologien und Innovationen. Vorreiter in Sachen Tech Diplomacy war Dänemark: Schon 2017 hat das Land als erstes weltweit einen Tech-Botschafter ernannt. Andere Länder ziehen nach, etwa Österreich und Brasilien. Für junge Entscheidungsträgerinnen und -träger aus Asien und Europa haben wir gemeinsam mit der Asia Europe Foundation ein Training zum Thema Tech Diplomacy durchgeführt. In unseren Trainings vermitteln wir, wie die Kombination aus Offenheit, Schutz und Verantwortung konkret gelingen kann.

Wie unterstützen Sie Förderorganisationen, wissenschaftliche Einrichtungen und Ministerien konkret dabei, Chancen und Risiken internationaler Kooperationen zu erkennen?

Höne: Der DLR Projektträger hat dafür ein umfassendes Toolkit entwickelt. Das Online-Tool OPERATE führt Anwenderinnen und Anwender durch strukturierte Fragen, um sowohl Chancen als auch Risiken einer Kooperation abzuschätzen – von der Partnerprüfung bis zur Technologieanalyse. So können sie den Mehrwert einer Kooperation besser einschätzen und Handlungssicherheit gewinnen. Außerdem bieten die Kolleginnen und Kollegen Trainings in mehreren Sprachen und mit interaktiven Szenarien und Selbsttests an. Auf der Plattform Safeguarding Science zeigen wir zudem, wie Länder wie Kanada, die Niederlande oder Großbritannien Forschungssicherheit definieren und umsetzen. Dadurch können unsere Partner auf Analysen bewährter Ansätze zurückgreifen.  

Was zeichnet die Beratung des DLR Projektträgers aus?

Josten: Erstens bedienen wir alle drei Themenfelder aus einer Hand – Science Diplomacy, Science Advice und Research Security – einzeln und miteinander verzahnt. Zweitens heißt Beratung für uns Begleitung: Wir finden für jede Zielgruppe den passenden Beratungsansatz, sei es Workshop, Training oder ein ganzheitlicher Strategieprozess – und erarbeiten dann gemeinsam Lösungen, die zur jeweiligen Ausgangslage passen. Und drittens: Was uns auszeichnet, ist Expertise aus der internationalen Praxis. Wir arbeiten mit Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartnern aus mehr als 130 Ländern zusammen und sind in zahlreichen Forschungsnetzwerken aktiv. Wir beobachten und werten kontinuierlich aktuelle Entwicklungen aus. Auf dieser Basis bringen wir Wissen aus Konferenzen und Austauschplattformen direkt in unsere Arbeit ein.

Können Sie aktuelle Beispiele nennen?

Höne: Derzeit führen wir eine Studie in Zentralasien im Auftrag der Europäischen Kommission durch. Hier untersuchen wir, wie Science Diplomacy in dieser Region umgesetzt wird. Gemeinsam mit europäischen Partnerinnen und Partnern haben wir im Rahmen eines EU-Vorhabens den ersten kostenlosen Online-Kurs in diesem umfassenden Rahmen zu Science Diplomacy in Europa entwickelt. Er vermittelt Grundlagen, Methoden und Praxisbeispiele – inzwischen nutzen ihn mehr als 6.000 Teilnehmende weltweit. Zudem sind wir Gründungsmitglied der European Union Science Diplomacy Alliance and leiten dort die Task Force zu Capacity Building, also den Ausbau von Wissen und Fähigkeiten. Hier tauschen wir uns mit den europäischen Kolleginnen und Kollegen zu den aktuellen Entwicklungen aus und bündeln Aktivitäten.

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„Der technologische Wandel ist sehr schnell, und daher lohnt es sich für Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Diplomatie, disruptive Entwicklungen zu verfolgen. Strategische Vorausschau ist unser wichtigstes Instrument, um unsere Auftraggeber bei entscheidenden Zukunftsfragen zu unterstützen.“
 

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Maria Josten
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Internationale Strategien und Instrumente, DLR Projektträger
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Auch der Blick nach vorne ist entscheidend: Wie bereitet der DLR Projektträger seine Partner auf künftige Herausforderungen vor?

Josten: Themen wie KI, Rohstoffknappheit, Klimawandel und geopolitische Spannungen verlangen strategisches Vorausdenken. Hinzu kommt: Der technologische Wandel ist sehr schnell, und daher lohnt es sich für Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Diplomatie, disruptive Entwicklungen zu verfolgen. Strategische Vorausschau ist unser wichtigstes Instrument, um unsere Auftraggeber bei entscheidenden Zukunftsfragen zu unterstützen. Wir analysieren Trends, antizipieren potenzielle Szenarien und identifizieren geeignete Handlungsspielräume. Zum Beispiel unterstützen wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Ukraine im Rahmen des EU-Projektes „Linking Ukraine to the European Research Area“ bei der Gestaltung ihrer internationalen Forschungskooperation und -agenda. Und im Auftrag des Auswärtigen Amts haben wir ein dreitägiges Foresight-Seminar für europäische Diplomatinnen und Diplomaten gegeben. Die Teilnehmenden haben dort darüber diskutiert, welche Rolle Europa künftig in der Außenpolitik einnehmen könnte. Mit Instrumenten wie diesen bleibt internationale Zusammenarbeit zukunftsorientiert, sicher und innovativ – auch in bewegten Zeiten. 

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