Generative KI verstehen – die Schaffenskraft der Maschine erforschen

Mit einer neuen Förderrichtlinie ermöglicht das BMFTR weitere geistes- und sozialwissenschaftliche Forschung zum Thema generative KI. Welchen Beitrag diese leisten können, berichtet Dr. Maria Böhme.
Arme mit Freundschaftsbändern
Die bunten Freundschaftsbändchen mit den charakteristischen Buchstaben auf weißen Plastikperlen sind ein Erkennungszeichen der sogenannten „Swifties“ – die Fans der US-Sängerin Taylor Swift.

Generative KI aus Sicht der Geistes- und Sozialwissenschaften erforschen – dafür hat der DLR Projektträger gemeinsam mit und im Auftrag des BMFTR eine Förderrichtlinie entwickelt. Warum die Geisteswissenschaften für ein umfassendes Verständnis von generativer KI unverzichtbar sind, erläutert Kulturanthropologin Dr. Maria Böhme.

Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler sind jetzt gefragt. Generative Künstliche Intelligenz (KI) kann Texte, Bilder, Filme und Musik in beeindruckender Qualität erzeugen. Der maschinelle Output wirkt geradezu wie von Menschen gemacht. Die Qualität und Wirkung dieser KI-Erzeugnisse auf Menschen sind riesig: Menschliche Beziehungen zum Beispiel und der Stellenwert von „Wahrheit“ könnten sich durch die Erfahrungen mit KI grundlegend verändern. Eine gute Zeit also, um die Erzeugnisse von generativer KI qualitativ zu erforschen. Es sind die Geisteswissenschaften, die dafür genau die Methoden bereitstellen: Seit Jahrhunderten beschäftigen sie sich mit Fragen der Wissensproduktion, der Erkenntnistheorie, der Kreativität, des Schaffens und nicht zuletzt der Wahrheit.

Diese Themen stehen durch generative KI auf neue Weise im Fokus. Um generative KI umfassend zu verstehen, müssen Forschende diese alten Fragen nun auf neue Weise stellen. Was das heißt, zeigt ein Blick auf die US-Musikerin Taylor Swift, ihre Fans und ihre Konzerte. Er liefert Beispiele dafür, welche Fragen aus Sicht der Geisteswissenschaften jetzt relevant und spannend sind.

KI – eine interdisziplinäre Herausforderung

Im DLR Projektträger setzen wir mit umfassender Expertise Aufträge zum Themenbereich Künstliche Intelligenz (KI) um – aus Perspektive von vielen verschiedenen Disziplinen. Lesen Sie in unserer Reihe
 > Künstliche Intelligenz für die Menschen,
wie wir menschenzentrierte KI mitgestalten – etwa in der Berufsbildung, in der Wirtschaft und in vielen weiteren Feldern.

Am 25. August hat das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt die
 > Richtlinie zur Förderung von Projekten zum Thema Generative Künstliche Intelligenz als Untersuchungsgegenstand der Geistes- und Sozialwissenschaften
veröffentlicht. Diese bietet einen Rahmen, um generative KI aus geistes- und sozialwissenschaftlicher Perspektive zu erforschen. Der DLR Projektträger hat die Richtlinie mitentwickelt und setzt die Forschungsförderung um. Dr. Maria Böhme befasst sich im DLR Projektträger mit den Themen Geisteswissenschaften und KI sowie „Digital Humanities“ (digitale Methoden in den Geisteswissenschaften). Sie erklärt, welche Fördermöglichkeiten sich nun für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ergeben. 

Taylor-Swift-Fans pflegen parasoziale Beziehungen zu ihrem Idol

Als bisher jüngste Frau hat es Taylor Swift in die „Hall of Fame“ der Songwriter geschafft. Zudem wurde sie als erste Popsängerin vom Time-Magazin zur „Person des Jahres“ gekürt. Ihr Erfolg hat viele Gründe. Sie gehen über ihre stimmlichen oder textlichen Fertigkeiten hinaus. Das Geheimnis von Taylor Swift steckt auch in ihrer Biografie, die hörbar oder sichtbar wird, und die mit anderen Menschen, seien es Individuen oder ein größeres Publikum, in Resonanz tritt. Vermutlich spielt auch ihre besondere Fähigkeit eine Rolle, persönliche Erfahrungen zu verdichten, sie gleichsam universal zu machen und zu transportieren, sodass sich Millionen von Hörerinnen und Hörern darin wiedererkennen und davon berührt werden. Dies gelingt nicht allein durch musikalisches Talent, sondern auch durch schwer fassbare Qualitäten wie „Gespür“ oder „authentische Verletzlichkeit“. Man geht sicher nicht zu weit, wenn man in solchen menschlichen Eigenschaften die Grundlage für den Personenkult rund um Taylor Swift erkennt.

Personenkult ist kein Nebeneffekt, sondern wesentlich für den kulturellen und wirtschaftlichen Erfolg von Pop-Stars. Die Fans von Taylor Swift bezeichnen sich selbst als „Swifties“, tragen Ketten, mit denen sie sich gegenseitig erkennen können und bilden parasoziale Beziehungen zu ihrem Idol: intime, also das Innerste berührende, aber letztlich einseitige Verbindungen zu ihr. Diese einseitigen Beziehungen sind gerade jetzt ein interessantes Forschungsthema, denn es mehren sich Berichte, dass Menschen nicht nur mit Pop-Idolen wie Taylor Swift einseitige intime Beziehungen aufbauen, sondern zum Beispiel auch mit generativen KI-Modellen – etwa mit großen Sprachmodellen wie ChatGPT. Die Mechanismen dahinter sind noch nicht ausreichend bekannt und die Auswirkungen für unser Miteinander nicht absehbar. Daraus ergeben sich viele weitere Fragen: Begünstigt die zunehmende Einsamkeit in unserer Gesellschaft die parasozialen Beziehungen zu Popstars und KI-Modellen? Können wir KI nutzen, um die Einsamkeit aufzufangen, die in unserer Gesellschaft besteht, oder trägt sie im Gegenteil zunehmend zu ihr bei?

Vergleichsweise junge Fragen wie diese warten gerade darauf, dass die Geistes- und Sozialwissenschaften sie aufnehmen und die neuen Antworten finden, die die Gesellschaft dringend braucht. 

BMFTR-Rahmenprogramm „Orientierung für eine Welt im Wandel“

Das BMFTR ermöglicht geistes- und sozialwissenschaftliche Forschung zu hochaktuellen Forschungsthemen. Der DLR Projektträger setzt die Forschungsförderung um. Für das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt betreut er nun das dritte Rahmenprogramm für die Geistes- und Sozialwissenschaften in Folge. Es heißt „Orientierung für eine Welt im Wandel“. Erstmals gibt es in diesem Rahmenprogramm eine „Richtlinie zur Förderung von Projekten zum Thema Generative Künstliche Intelligenz als Untersuchungsgegenstand der Geistes- und Sozialwissenschaften“. Ziel der neuen Förderlinie ist es, kulturelle, ethische und gesellschaftliche Herausforderungen durch KI aus Perspektive der Geistes- und Sozialwissenschaften zu erforschen und die Forscherinnen und Forscher stärker in den KI-Diskurs einzubeziehen.

Förderlinien, die der DLR Projektträger mitentwickelt, werden grundsätzlich interdisziplinär bearbeitet. Auch die neue Förderrichtlinie wurde im Fachgespräch zwischen Geistes-, Sozial- und Technikwissenschaften beraten. Ergebnisse, die im Zuge der Förderrichtlinie entstehen, sind sowohl gesellschaftlich als auch für die Weiterentwicklung der Technologie relevant.

Interessiert?
> Hier finden Sie den Weg zur Ausschreibung der Förderung.

Neben der Forschung zu Künstlicher Intelligenz legt das Rahmenprogramm Schwerpunkte auf Demokratieforschung, Extremismusforschung und Prävention, Kulturerbe als Ressource für eine zukunftsfähige Gesellschaft sowie inter- und transdisziplinäre Zusammenarbeit und den Ausbau von Forschungsinfrastrukturen.

Live-Auftritt: Auch auf der Bühne bekommt Taylor Swift künstliche Konkurrenz

Noch immer Taylor Swift, aber ein anderes Beispiel: Live-Konzerte. Zehntausende Menschen zahlen Hunderte von Euro, um Künstlerinnen und Künstler wie Taylor Swift zusammen in einer riesigen Menschenmenge live zu erleben. Ein Live-Konzert ist mehr als nur akustische Information, die ans Ohr übermittelt wird. Es ist ein gemeinsames Erlebnis, ein sozialer Prozess, ein geteilter Moment von Verbindung, der oft Jahre oder Jahrzehnte in der eigenen Biografie nachwirkt.

Die Theaterwissenschaftlerin Professorin Erika Fischer-Lichte hat in ihren Forschungen zur „Ästhetik des Performativen“ (2004) schon vor 20 Jahren präzise herausgearbeitet, was bei Theateraufführungen geschieht und was auch für Live-Konzerte plausibel ist: eine „Feedback-Schleife“ zwischen Performenden und Publikum, in der sich beide Seiten gegenseitig konstituieren und transformieren. Fischer-Lichte schreibt: „Was immer die Akteure tun, es hat Auswirkungen auf die Zuschauer, und was immer die Zuschauer tun, es hat Auswirkungen auf die Akteure und die anderen Zuschauer. In diesem Sinne lässt sich behaupten, dass die Aufführung von einer selbstbezüglichen und sich permanent verändernden Feedback-Schleife hervorgebracht und gesteuert wird. Daher ist ihr Ablauf auch nicht vollständig planbar und vorhersagbar.“ Auf eine Live-Konzert-Situation übertragen bedeutet das: Wenn die Stimme einer Sängerin vor Überschwang bricht, wenn sie beim Text improvisiert, um auf die Stimmung und Dynamik des Publikums zu reagieren, wenn sie sich vor dem Publikum verausgabt und alles in diesen Moment legt – dann hören wir als Publikum nicht nur. Dann haben wir teil an und werden Teil von etwas Einzigartigem, Unwiederholbarem und Kontingentem.

Auch in dieser Hinsicht könnte Taylor Swift durch generative KI Konkurrenz bekommen. Nehmen wir Hatsune Miku (japanisch für „erster Klang aus der Zukunft“) – eine virtuelle Kunstfigur im Manga-Stil. Sie ist zwar noch keine KI, sondern eine Software-basierte virtuelle Figur, die als Hologramm in Gestalt eines 16-jährigen Mädchens mit langen, türkisfarbenen Zöpfen auftritt. Aber das ist ja erst der Anfang – und schon der feiert riesige Erfolge. Hatsune Mikus Auftritte vor tausenden von Fans sind in der Regel perfekt: Ihr unterlaufen keine Fehler und sie trifft jeden Ton. Ihre Auftritte unterscheiden sich allenfalls durch unvorhergesehene technische Pannen oder eine bessere oder schlechtere Ausstattung des Veranstaltungsortes.

Der Schritt von der derzeit noch vorprogrammierten Projektion zur situativen Reaktion der Projektion von Hatsune Miku durch generative KI scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Ob dies beim Publikum verfängt oder nicht, wird die Zukunft zeigen – und es wird die Geisteswissenschaften brauchen, um zu verstehen, welche Auswirkungen dies auf unsere Wahrnehmung und unser Miteinander hat. Oder darauf, was Ideen wie Kunst, Talent oder Genie für uns heute bedeuten.

Wenn nicht nur Live-Konzerte, sondern überhaupt soziale Interaktionen mit technischen Mitteln „generiert“ werden könnten: Welche Auswirkungen hat das auf das Vertrauen in Kommunikationsvorgänge? Führt allein die Möglichkeit, dass Interaktionen künstlich sein könnten, zu zusätzlicher Verunsicherung oder zu Gleichgültigkeit gegenüber dem Wahrheitsgehalt von Kommunikation? Und was bedeutet das beispielsweise für die Meinungsbildungsprozesse in demokratischen Gesellschaften?

Fundamentale Fragen nach Kommunikationsvorgängen, Wissensaneignung und Denkprozessen

Schon diese kurze Betrachtung von generativer KI und Taylor Swift zeigt eine Fülle an neuen geistes- und sozialwissenschaftlichen Forschungsfragen auf, die für uns als Individuen, aber auch für unser Zusammenleben relevant sind. Dabei werden auch „alte Fragen“, mit denen sich die Geisteswissenschaften bereits seit Jahrhunderten beschäftigen, wieder aktuell: Die Fragen danach, was uns als Menschen ausmacht, was „wahr“ ist und was „falsch“ ist, wie Erkenntnis und Verstehen funktionieren und wie sich menschliche Denkprozesse verändern. Auch für diese fundamentalen Fragen bietet die Förderrichtlinie Raum.

Ziel der neuen Förderung sind unter anderem Handlungsempfehlungen zum Einsatz, zur Nutzung, zu den Auswirkungen und zur weiteren Entwicklung von generativer KI. Die Geistes- und Sozialwissenschaften können einen wertvollen Beitrag leisten, um generative KI umfassend zu verstehen. Nur so können wir als Gesellschaft definieren, was wir menschlich und gesellschaftlich bewahren wollen, was wir für die neuen Chancen nicht aufzugeben bereit sind, welche der neuen Möglichkeiten wir annehmen möchten und vielleicht auch, wie wir uns und nachfolgende Generationen dafür wappnen müssen. Generative KI zeigt uns gerade einmal mehr, wie sehr wir die Geistes- und Sozialwissenschaften brauchen, um zu verstehen, wer wir als Menschen sind und wie wir in der Gesellschaft zusammenleben wollen.

Über die Autorin

Maria Böhme ist promovierte Kulturanthropologin. Sie hat zu kulturellen Artefakten wie Popmusik und Karikaturen geforscht. In diesem Text zeigt sie beispielhaft, welchen Beitrag speziell die Geisteswissenschaften zur Erforschung von generativer KI leisten können.

Gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen setzt sie im DLR Projektträger das Rahmenprogramm „Orientierung für eine Welt im Wandel“ um – im Auftrag des BMFTR.

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