Jüdische Gegenwartsforschung
Vor dem Hintergrund unzureichenden Wissens über die jüdische Gegenwart adressiert der Förderaufruf die Forschung zur Jüdischen Gegenwart in zwei Förderlinien: Förderlinie A zielt auf den Aufbau eines Netzwerks zur Jüdischen Gegenwartsforschung ab und unterstützt den Wissenstransfer in Wissenschaft und Gesellschaft, Förderlinie B stärkt durch Förderung von Forschungsprojekten die Forschungslandschaft.
Förderziel
Die Werteordnung des Grundgesetzes verpflichtet den demokratischen Staat und seine Institutionen, allen Mitbürgerinnen und Mitbürgern ein Leben in Würde, Freiheit und Sicherheit zu ermöglichen − unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Religion und Weltanschauung. Unter dieser Prämisse steht auch das neue Rahmenprogramm des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) „Orientierung für eine Welt im Wandel“ (2026−2032). Es zielt im Kapitel „Demokratische Gesellschaften zukunftsfähig gestalten“ auch darauf ab, Forschung zu aktuellen Fragestellungen und Herausforderungen demokratischer Gesellschaften in Deutschland, Europa und weltweit zu unterstützen. In Ergänzung zu laufenden Fördermaßnahmen zum Thema Antisemitismus schreibt das BMFTR nun die Förderung von Vorhaben zur Jüdischen Gegenwartsforschung aus. Die Ausschreibung erfolgt vor dem Hintergrund, dass das Forschungsfeld zur jüdischen Gegenwart noch nicht in einem wünschenswerten Maße entwickelt ist. Es liegen unzureichende Kenntnisse über die Lebenswelt von Jüdinnen und Juden in Deutschland vor. Das jüdische Leben in Deutschland ist vielfältig. Es ist geprägt von verschiedenen Herkünften, Zugehörigkeiten und Generationswechsel und zeichnet sich durch vielfältigste Wechselbeziehungen zu anderen Teilen der Gesellschaft aus.
Die jüdischen Gemeinden waren und sind starken Veränderungen unterworfen: durch Migrationsbewegungen wie den Zuzug osteuropäischer Jüdinnen und Juden ab den 1990er-Jahren, durch den Zuzug von israelischen Staatsangehörigen ab dem Jahr 2000, durch demografische Entwicklungen. Einschnitte in jüngerer Vergangenheit bilden die Zuwanderung der Jahre 2015 und 2016, der Ukrainekrieg ab dem Jahr 2022 sowie der Terroranschlag der Hamas auf Israel vom 7. Oktober 2023. Auch Erinnerungskulturen verändern sich. Über 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der Befreiung der Konzentrationslager gibt es kaum noch Zeugen, die von dem Menschheitsverbrechen des Holocaust aus dem eigenen Erleben berichten können. Damit ändert sich die Art und Weise, wie sich Jüdinnen und Juden, aber auch die Gesellschaft insgesamt, an den Holocaust erinnern.
In der aktuellen geistes- und sozialwissenschaftlichen Forschung wird die Gegenwart jüdischen Lebens zu wenig abgebildet, auch die Datenlage ist unterentwickelt. Dieses Forschungsdesiderat adressiert das BMFTR mit der geplanten Förderrichtlinie „Jüdische Gegenwartsforschung“.
Das BMFTR möchte mit der Förderung erreichen, dass die Akteure im Bereich der Jüdischen Gegenwartsforschung miteinander vernetzt werden, die Forschungslandschaft im Themenfeld gestärkt wird und der breiten Öffentlichkeit mehr Möglichkeiten angeboten werden, sich wissenschaftlich fundiert über die Vielfalt jüdischen Lebens zu informieren.
Die Förderung steht in direktem Bezug zur Nationalen Strategie gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben (NASAS), hier vor allem zum Handlungsfeld 5 (Jüdische Gegenwart und Geschichte), welches auf die Stärkung der „jüdischen Gegenwart und die Vermittlung und Sichtbarmachung jüdischer Geschichte in all ihrer unter anderem religiösen politischen und kulturellen Vielschichtigkeit“ zielt. Die Förderrichtlinie „Jüdische Gegenwartsforschung“ ist Teil des neuen BMFTR-Rahmenprogramms für Geistes- und Sozialwissenschaften.
Zuwendungszweck
Zweck der Zuwendung ist die Förderung von Einzel- und Verbundforschungsvorhaben an Hochschulen und Forschungseinrichtungen sowie mit Praxisakteuren aus dem Feld der Jüdischen Gegenwartsforschung. Die Förderung zielt darauf ab, das Forschungsfeld Jüdische Gegenwart systematisch zu erfassen (Mapping), vorhandene Forschungsergebnisse und Studien zusammenzuführen (Synthese) und die Forschungsakteure zu vernetzen (Netzwerk). Zudem soll – zur Stärkung des Forschungsfeldes – einschlägige Forschung gefördert werden.
Dazu soll in der Förderlinie A der Aufbau eines Kompetenznetzwerks erfolgen, welches wissenschaftliche Einrichtungen sowie etablierte zivilgesellschaftliche Akteure im Bereich der Jüdischen Gegenwart miteinander vernetzt. Gewünscht ist eine möglichst breite Beteiligung der mit Jüdischer Gegenwartsforschung befassten Institutionen und Forschenden.
In der Förderlinie B sollen einschlägige Vorhaben im Gegenstandsbereich der Jüdischen Gegenwartsforschung gefördert werden, um die Forschungslandschaft zu stärken. Jüdische Gegenwart wird dabei folgendermaßen umrissen:
- Jüdische Gegenwart bzw. die dazugehörige Forschung dient der Erforschung jüdischen Lebens bzw. des Lebens von Jüdinnen und Juden in Deutschland. Der Fokus liegt auf dem 21. Jahrhundert, wobei die Forschung mit der Zäsur des Jahres 1945 einsetzt. Da die Erforschung der Gegenwart den Blick auf die Geschichte benötigt, kann auch eine historische Dimension einbezogen werden.
- Jüdische Gegenwartsforschung betrachtet die Diversität jüdischen Lebens, also die verschiedenen Ausdrucksweisen des Jüdischen (u. a. kulturell, sprachlich, national). Sie berücksichtigt Mehrfachzugehörigkeiten, diasporisches Leben und die Beziehung zu Israel. Sie betrachtet diese in ihren Wechselwirkungen zur Gesamtgesellschaft und mit ihren Wechselwirkungen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft, die selbst sehr heterogen ist.
- Die Erfahrungen des Antisemitismus können auch Gegenstand der Forschungsvorhaben sein, werden aber in dieser Förderrichtlinie nicht primär adressiert, da dazu bereits entsprechende Förderung existiert.
Kontakt
Dr. Claudia Hauser
Telefon: +49 228 3821 1842
E-Mail: claudia.hauser@dlr.de
Dr. Maria Böhme
Telefon: +49228 3821 1925
E-Mail: maria.boehme@dlr.de