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Menschenkette

Mit der Krise rechnen - Gesellschaft der Zukunft muss Ressourcen aufbauen

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Warum wir uns auf fundamentale Veränderungen einstellen müssen. Ein Essay von Dr. Cedric Janowicz, DLR Projektträger.
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Die Zukunft ist nicht rosa – immer häufiger müssen wir als Gesellschaft auf unerwartete Krisen reagieren. Die Zukunftsstrategie der Bundesregierung sieht deshalb gesellschaftliche Resilienz als Schlüssel für krisenfeste Gesellschaften. Dr. Cedric Janowicz, Experte für Gesellschaften der Zukunft im DLR Projektträger, schätzt die Debatte ein.

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Wir leben in einer Zeit sich überlagernder Krisen: Gewaltige gesellschaftliche, technologische und politische Transformationen und die veränderte geopolitische Lage stellen nationale und internationale Politik vor immense Herausforderungen. Mit steigendem Problemdruck setzt sich etwa die Überzeugung durch, dass sich Innovationspolitik nicht mehr primär auf ökonomische Ziele wie Wettbewerbsfähigkeit und Wirtschaftswachstum beschränken darf. Vielmehr sollte sie ebenso wie die mit ihr verbundene Wissenschaft gezielte Beiträge zu gesellschaftlichen Problemlösungen liefern. Vor diesem Hintergrund ist in vielen Ländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sowie auf europäischer Ebene eine „missionsorientierte“ Forschung zu einem zentralen Element forschungs- und innovationspolitischer Strategien aufgestiegen. In ihrer „Zukunftsstrategie Forschung und Innovation“ verankert auch die Bundesregierung die Missionsorientierung als innovativen ressortübergreifenden Politikansatz. Forschung und Innovation sollen damit stärker als bisher darauf ausgerichtet werden, zur Lösung der großen gesellschaftlichen Herausforderungen und der Gestaltung als notwendig erachteter Transformationsprozesse beizutragen.

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Bis vor nicht allzu langer Zeit galt Fortschritt als ein Leitprinzip politischer Steuerungsansätze. Verbunden war damit die Imagination einer offenen, zumeist verheißungsvollen Zukunft. Mit Resilienz bewegt man sich nun weg von dieser positiv imaginierten Zukunft in dem Sinne, dass diese in erster Linie Krisen, Kriege, Pandemien und Naturkatastrophen bereithält.

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Dr. Cedric Janowicz
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Leiter der Abteilung Gesellschaften der Zukunft im DLR Projektträger
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Flexibler Umgang mit vielfältigen Krisen

In Zusammenhang mit der zukünftigen Gestaltung sozialer Systeme ist der Begriff der Resilienz zu einem Schlüsselwort avanciert. Er stammt ursprünglich aus der Physik beziehungsweise der Werkstoffkunde und misst die Fähigkeit eines Materials, nach einer Verformung unbeschadet in den Anfangszustand zurückzufinden, also seine Widerstandskraft. Übertragen auf Gesellschaften geht es um die Fähigkeit, gewappnet zu sein für unerwartete, mitunter schockartige Ereignisse aus einer als zunehmend krisenförmig erlebten sozialen und natürlichen Umwelt. Entsprechende Resilienzfaktoren befähigen Gesellschaften, mit einer komplexen und ungewissen Umwelt umzugehen und flexibel Krisen zu widerstehen.

Paradigmenwechsel: vom Agieren zum Reagieren

Bemerkenswert ist zunächst, dass Gesellschaften mit der Umstellung auf Resilienz als Konzept der Zukunftssicherung einen deutlich anderen Blick auf sich selbst werfen – Soziologen wie Andreas Reckwitz sprechen gar von einem Paradigmenwechsel: Bis vor nicht allzu langer Zeit galt Fortschritt als ein Leitprinzip politischer Steuerungsansätze. Verbunden war damit die Imagination einer offenen, zumeist verheißungsvollen Zukunft noch unentdeckter Möglichkeiten. Mit Resilienz bewegt man sich nun weg von dieser positiv imaginierten Zukunft in dem Sinne, dass diese in erster Linie Krisen, Kriege, Pandemien und Naturkatastrophen bereithält, gegen die man sich bestmöglich wappnen muss. Wenngleich man in der Resilienzforschung zwischen den Zuständen „bounce back“ und „bounce forward“ unterscheidet – also die Rückkehr zum ursprünglichen Zustand oder eine kontinuierliche Anpassung an sich verändernde Bedingungen –, legt eine Politik der Resilienz den Fokus zwangsläufig auf Adaption und Anpassung und damit ein wenig mehr auf das Reagieren als auf das Agieren.

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Bloße Veränderung des Technischen wird für eine erfolgreiche Transformation der Gesellschaft nicht ausreichen. Um die in der Zukunftsstrategie der Bundesregierung formulierten Ziele zu erreichen, sind die Geistes- und Sozialwissenschaften von immenser Bedeutung.

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Dr. Cedric Janowicz
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Leiter der Abteilung Gesellschaften der Zukunft im DLR Projektträger
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Vorbereitung auf das Unbekannte: Vorhalten von Ressourcen

Veränderte politische Rahmenbedingungen haben unmittelbare Folgen für die Forschung. Wer davon ausgeht, dass wir als Gesellschaft künftig flexibel auf (unbekannte) Krisen reagieren müssen, setzt gleichzeitig voraus, dass zentrale Fähigkeiten sowie kritische Ressourcen vorgehalten werden müssen. Darauf reagiert auch die Bundesregierung, deren Zukunftsstrategie gesellschaftliche Resilienz als zentrale Zielgrößen der anstehenden gesellschaftlichen Transformation definiert. Aber resilient wogegen? Wie sähe eine Politik der Resilienz aus? Gegen einzelne, vorab definierte Störungselemente kann man natürlich versuchen, konkrete Resilienzmaßnahmen zu entwickeln. Allerdings haben uns die Finanz- oder die Corona-Krise eindrucksvoll vor Augen geführt, dass Gesellschaften oft nicht voraussehen können, woher die nächsten Störungen kommen, die unter Umständen einen disruptiven gesellschaftlichen Wandel mit entsprechenden sozialen Verwerfungen herbeiführen.

Folgerichtig ist eine der Grundannahmen der Resilienzforschung, dass man in komplexen Systemzusammenhängen nie alle möglichen Schockszenarien vorhersehen kann, Experten und Expertinnen sprechen hier von den sogenannten „unknown unknowns“. Daher geht es im Kern darum, zentrale Fähigkeiten sowie kritische Ressourcen zu haben, die es Gesellschaften ermöglichen, auf eine Vielzahl von (unvorhersehbaren) Krisenzuständen wirkungsvoll zu reagieren. Als zentrale Ressourcen für einen resilienten Umbau hat die Zukunftsstrategie eine offene und vielfältige Gesellschaft, verlässliche demokratische Institutionen sowie einen damit verbundenen gesellschaftlichen Zusammenhalt identifiziert.

Reicht es, sich auf Katastrophen vorzubereiten? Wir denken, nein!

Aber was stiftet und erhält einen solchen, die Resilienz steigernden gesellschaftlichen Zusammenhalt? Wie kann gelebte Demokratie gestärkt und wie können Extremismen, die sie eventuell zersetzen, zurückgedrängt werden? Wie lassen sich die mit Transformationen unweigerlich verbundenen Zumutungen vermitteln und abfedern? Und nicht zuletzt: Kann sich eine Gesellschaft erlauben, auf positive Gestaltungsziele zu verzichten und sich nur noch auf den Umgang mit unweigerlichen Katastrophen zu konzentrieren? Wir im DLR Projektträger sind der Auffassung, dass Politik und Gesellschaft das nicht können und dass wir eine positive imaginierte Zukunft als Gestaltungsfolie benötigen. Als Dienstleister der Gesellschaft zu helfen, sie resilienter zu machen, bedeutet für uns, nicht nur die reaktiven oder adaptiven Fähigkeiten von Gesellschaften zu stärken, sondern auch die zur Umgestaltung notwendigen Ressourcen zu identifizieren.

Technischer Fortschritt allein verändert zu wenig

Eine der zentralen und wegweisenden Annahmen der Zukunftsstrategie lautet: Bloße Veränderungen auf der Ebene des Technischen zu steigern, etwa die Effizienz von Geräten, oder fossile durch nachwachsende Brennstoffe zu ersetzen, wird für die erfolgreiche Transformation heutiger Gesellschaften nicht ausreichen. Das heißt, dass zum Erreichen der in der Zukunftsstrategie formulierten Ziele auch die Geistes- und Sozialwissenschaften von immenser Bedeutung sind. Um das Konzept von Resilienz praxisrelevant werden zu lassen, sind die Produktivkräfte der Veränderung zu stärken: gesellschaftlicher Zusammenhalt, Autonomie, Gemeinwohl oder Chancengleichheit, um nur einige zu nennen. In der Umsetzung des Rahmenprogramms in den Geistes- und Sozialwissenschaften „Gesellschaft verstehen – Zukunft gestalten“ für das BMBF leisten wir als Projektträger daher einen substanziellen Beitrag zur Gestaltung der Gesellschaft von morgen.

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Ohne Orientierungswissen handelt die Gesellschaft ziellos, ohne Systemwissen ist sie blind. Nur Transformationswissen ermöglicht die Ausrichtung auf langfristige gesellschaftliche Ziele.

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Dr. Cedric Janowicz
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Leiter der Abteilung Gesellschaften der Zukunft im DLR Projektträger
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Fundamentale gesellschaftliche Umbrüche stehen bevor

Um Transformationsprozesse intentional gestalten zu können sowie bestehende und neue Aktivitäten gezielt auszurichten und weiterzuentwickeln, bedarf es weitreichender gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse. Denn die mit Transformation verbundenen gesellschaftlichen Restrukturierungen werden voraussichtlich die Lebenswelten vieler Menschen fundamental verändern. Für die oben genannte Anpassung und Adaption braucht es geistes- und sozialwissenschaftliche Expertise, um die Resilienz von Gesellschaften auf handhabbare Kriterien herunterzubrechen und daraus evidenzbasierte Handlungsempfehlungen abzuleiten: Wie schaffen wir solidarische Gemeinschaften? Wo sind die Orte und Räume, in denen Begegnungen ermöglicht und solche Gemeinschaften erlebbar werden? Wie kann die individuelle Teilhabe und damit die Gestaltungsmöglichkeit einzelner gestärkt werden? Wer sind auf einer Meso-Ebene die zentralen Akteure, die eine transformative Resilienz vorantreiben? Welche Schnittstellen zwischen Staat, Gesellschaft und der lokalen Ebene sind für gesteigerte Resilienz entscheidend? Zu den Aufgaben der Geistes- und Sozialwissenschaften gehört es auch, darüber zu reflektieren, was es für Gesellschaften bedeutet und welches Zielbild damit verbunden ist, wenn sie sich in der Gestaltung von Transformationsprozessen konsequent am Leitbild des Resilienzaufbaus ausrichten. System-, Transformations- und Orientierungswissen sind also untrennbar miteinander verbunden: Ohne Orientierungswissen handelt die Gesellschaft ziellos, ohne Systemwissen ist sie blind. Nur Transformationswissen ermöglicht die Ausrichtung auf langfristige gesellschaftliche Ziele.

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Portrait Dr. Cedric Janowicz

 

Dr. Cedric Janowicz ist Leiter der Abteilung Gesellschaften der Zukunft des DLR Projektträgers. Gemeinsam mit Dr. Kerstin Lutteropp verantwortet er die Umsetzung des Rahmenprogramms „Gesellschaft verstehen – Zukunft gestalten“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung im Bereich der Geistes-​ und Sozialwissenschaften. Themenschwerpunkte sind hier u.a. Gesellschaftlicher Zusammenhalt, Extremismusforschung sowie Kulturelles Erbe.

cedric.janowicz@dlr.de

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Bereichsicon Gesellschaft, Innovation, Technologie
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